eine kleine Muse für die digitale Bildung

Obacht, es wird etwas technisch. Ungewohnt technisch, denn ich habe mich in einen sternförmigen Minicomputer verliebt.

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Karl Valentin

Zum Calliope mini wurde tatsächlich schon viel geschrieben. Dabei werden gerne die Extreme bedient, mit welchen ich so genau gar nichts anfangen kann: Heilsbringer in der Bildungswelt, Revolution des Schulsystems gar. Allons enfants du monde numérique! Der Digitalpakt kann kommen.
Auf der anderen Seite stehen Kritik an mangelnder Transparenz, was das Sponsoring der Großkonzerne betrifft, oder die Tatsache, dass für solch ein Projekt überhaupt Sponsoren und crowdfunding belangt werden müssen. Shame on you, staatliche Fördergelderverteiler. Oder die Stimmen, die betonen, dass auch Drittklässler prima löten könnten, weil die eigenen Kinder ja auch mit fünf Jahren programmieren und Platinencomputer wie Arduino, Raspberry Pi und micro:bit handhaben oder Fisher- und Lego-Technik hacken. Es gibt doch schon zahlreiche Minicontroller für Kinderhände.

Your kids are GEEKIDS! Glückwunsch.

Aber das kann doch nicht jedes Kind geschweige denn jeder Lehrer oder jede Lehrerin. Es gibt Drittklassler, die sich nicht die Schuhe zubinden können und Lehrer*innen, die den Doppelklick nicht kennen. Die Kulturpessimisten meinen gar, digitales Knowhow sei völliger Quatsch, man solle gefälligst an der Rechtschreibung und Schönschrift arbeiten. Außerdem bröckeln uns die Schulgebäude unter den Füßen weg. Neue Rahmenlehrpläne gibt es auch schon wieder und ein schulinternes Curriculum muss erstellt werden. Baustellen. Prioritäten.
Ich werde jetzt nicht auch noch mit Steinen oder meinem Halbwissen in die ein oder andere Richtung werfen sondern einfach die mir ersichtlichen Vorteile auflisten. Ich freue mich jedenfalls wirklich sehr auf mein Calliope mini und die Exemplare, die mir der Herr Grau organisiert. Tausend Dank!

Vorteile für Grundschüler*innen

  • spielerischer Zugang zur digitalen Welt
  • produzieren statt nur konsumieren
  • schnelle Erfolgserlebnisse aber auch ausgefuchste Tüfteleien und Experimente möglich (Differenzierung helau!)
  • einfache, intuitive Editoren, die diese durch die Verwendung von Block-Code-Bausteinen ermöglichen
  • Ausstattung wie Buzzer (für Töne/ eigene Kompositionen), Bewegungssensorik, LED-Panel,... alles erweiterbar
  • Code-Blöcke können einfach übernommen, aber auch beliebig verändert werden
  • putziges Design
  • leitfähige Knete, USB-Kabel, Kurzanleitung mit dabei
  • kinderhandfreundlich
  • kreatives Problemlösen und entdeckendes Lernen
  • Versuch und Irrtum, ohne etwas kaputt zu machen

Vorteile für Lehrer*innen

  • siehe oben, sprich Spaß
  • schneller Zugang, auch für Oberflächennutzer wie mich
  • Cornelsen im Boot, was man bekritteln darf, aber definitiv den Zugang zur Lehrerschaft und die Distribution unterstützt
  • OER, denn sharing is caring! Kostenloses Material und Tutorials im Netz. Es wird ein Forum zum Austausch geben.
  • Fortbildungsangebote
  • rahmenlehrplankompatible Einsatzmöglichkeiten (1x1-Trainer, 1+1-Trainer, Wahrscheinlichkeit, Pflanzenbewässerung, Schrittzähler, Links-Rechts-Übung, mathematisches Problemlösen, digitale Kompetenz, Stromkreis und elektrische Leitfähigkeit verschiedener Stoffe etc.)
  • in Forscherstunden (bei mir) oder AG einsetzbar

Kritik

Es ist natürlich noch nicht klar, wie die kostenlose Bereitstellung für alle Drittklässler über die Jahre funktionieren soll. Aber man wird ja noch träumen dürfen. Die Schulen damit ohne Begleitung zu überfluten ist nicht sinnvoll, denn auch das Material ist noch nicht für die Schülerhand oder als Lehrerhandreichung geeignet. Es ist bei Weitem zu textlastig, komplex, zu viel Binärsystem, zu viel Technobabble.
Die folgende Aufgabe kann doch nicht wirklich für Drittklässler konzipiert worden sein!

Versuche – mithilfe der kennengelernten Kontrollstrukturen – einen Algorithmus zu formulieren, der sich um die Bewässerung einer Topfpflanze kümmert:

S.26 der Lehrerhandreichung, Schüler-AB

Aber die Materialien werden ständig überarbeitet und mit der richtigen Feedbackkultur auch verbessert. Meine ersten Gehversuche zum 1x1-Trainer, 1+1-Trainer, Star-Wars-Schrittzähler und der Regenwurmhausbewässerung finden sich bei Github.

Update

Im Übrigen ist die Sorge berechtigt, dass Google und Microsoft, wie auch andere Partner und eben Cornelsen, nun einen (weiteren) Fuß in der Tür zur Grundschule habe. Das muss man kritisch sehen. Allerdings arbeite ich seit Jahren mit Google Apps im Unterricht, wir haben an der Schule nur Windows-Rechner und auch die Firma SMART hat mit ihren Boards die Vormachtstellung auf dem IWB-Markt. Material von Cornelsen gehört ebenso zu meinem Archiv und fast alles habe ich aus der eigenen Tasche finanziert, im Übrigen auch jede Menge Technik. Sponsoring im Kleinen und Drittmittelfinanzierung finden an den Schulen - notgedrungen - bereits statt. Auch LEGO drängt sich mit seinem education-Programm in die Schulen. Der micro:bit wurde von der BBC und anderen großen Partnern wie Samsung und ebenfalls Microsoft getragen. So sehr mir das alles anfangs gegen den Strich ging, so sehr bin ich mittlerweile gewillt, ganz pragmatisch Kompromisse zu schließen. Vielleicht ist es doch mehr win-win als ich an dieser Stelle zugeben möchte.

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